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short cuts: Rineke Dijkstra und Paul Graham

 

Rineke Dijkstra fotografierte 1994 Mütter unmittelbar nach der Entbindung. Die Frauen stehen aufrecht vor einem neutralen Hintergrund und halten ihre Säuglinge auf dem Arm. Glück und Erschöpfung, Schönheit und Anstrengung, das Wunder des Lebens und die harte Wirklichkeit sind auf diesen Bildern zu sehen. Die Kinder sind noch keine Stunde alt, die Ekstase und der Schmerz der Geburt gerade vorbei. Dennoch nehmen die Frauen schon wieder Haltung an, stolz und selbstbewusst schauen sie in die Kamera und inszenieren die Mutterschaft. 17 Jahre später porträtierte die Fotografin die früheren Säuglinge als Jugendliche. Ein Moment von großer Intensität entsteht, den nur die Fotografie erzeugen kann: die Zeit wird übersprungen, im unmittelbaren Nebeneinander der Bilder begreifen wir, dass alle Menschen den Weg durch die Zeit nehmen, geboren werden und altern und dass die Erinnerung an die eigene Geburt unmöglich ist. Im Foto ist sie aber dokumentiert. Auf den Bildern sieht man nicht die Ähnlichkeit zwischen Säugling und jungem Erwachsenen, sondern die Zeichnung der Abstammung: die Gesichter der Mütter und ihrer Kinder ähneln sich auf verblüffende Weise. Persönlichkeit und Lebensweg sind individuell, dennoch gibt es immer einen Grund, auf dem wir stehen, eine Prägung und eine Vorherbestimmung.

Installationsansicht Sprengel Museum Hannover: Rineke Dijkstra

Installationsansicht: Rineke Dijkstra

Paul Graham gibt seiner Arbeit den Titel “A Shimmer of Possibillity” (2004-2006). Im Amerika der Gegenwart fotografiert, kontrastiert der Titel deutlich das Klischee von den USA als dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Zurück bleibt nur ein Hauch von Möglichkeit, sein Leben zu definieren und aus eigener Kraft zu verändern. Denn Graham zeigt in seinen Sequenzen Menschen, die am Rand und nicht in der Mitte der Gesellschaft stehen, die auf der Straße leben und oder im Niedriglohnsektor malochen müssen, um ihr bescheidenes Auskommen bestreiten zu können. Diese Menschen sind allein. Keiner will etwas mit ihnen zu tun haben und die Einsamkeit ist ihnen zur Normalität geworden. Sie tun, was Menschen tun müssen: essen, schlafen, gehen, sitzen oder irgendeiner Tätigkeit nachgehen. Glücklich sind sie nicht. Aber auch diese Menschen haben eine Herkunft, wurden geboren und hatten vielleicht die Aussicht auf ein selbstbestimmtes Leben. Wem ähneln diese Gesichter? Wer kümmert sich um sie und fragt nach ihrer Geschichte? Dijkstra und Graham zeigen zwei Arten des fotografischen Porträts, die sich erst auf den zweiten Blick verschränken. Denn der Einzelne und die Gesellschaft lassen sich nicht losgelöst voneinander betrachten.

Text: Maik Schlüter

Foto: Michael Herling/Aline Gwose, Sprengel Museum Hannover

Annette Völckner gefällt dieser Artikel
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