Fünf Minuten (oder auch ein bisschen mehr) mit … Max Baumann
In der Ausstellung PHOTOGRAPHY CALLING! zeigt der deutsche Fotograf Max Baumann mit seiner Foto-Serie ‚blindlings’ erstmals Porträts. Weshalb Baumann, der vor allem für seine Landschaftsaufnahmen bekannt ist, in ‚blindlings’ auch das Gesicht des Menschen mit seiner Architekturkamera fotografiert, erklärt er im Interview mit dem PC!-Blog.
PC!-Blog: Herr Baumann, was hat Sie nach zwanzigjähriger Arbeit als Fotograf dazu bewogen, nun erstmals Porträts aufzunehmen?
M.B.: Die Idee, derartige Bilder zu machen, stammt bereits aus meiner Studienzeit. Beim Grundstudium gewann ich eine Vorstellung davon, wie meine Portraits aussehen könnten. Damals fehlte mir eine geeignete Ausrüstung. Wenn einmal Geld übrig war, habe ich mir dann Stück für Stück der notwendigen Technik gekauft. Als ich diese nach Jahren zusammen hatte, glaubte mir längst niemand mehr, dass ich jemals Porträts machen würde. Zu oft hatte ich diese in Aussicht gestellt. Auslöser für den Beginn war meine Bewerbung für ein Stipendium auf Schloss Wiepersdorf, dem ehemaligen Wohnsitz von Achim und Bettina von Arnim. In diesem Zusammenhang las ich nach Jahren deutsche Romantiker, sie waren vor dem Studium meine Wegbegleiter. Ich dachte zurück und die alte Vorstellung vom Antlitz wurde wach. So bewarb ich mich mit diesem Vorhaben und durfte mir daraufhin dort ein geräumiges Atelier einrichten. Dann begann ich zögerlich nach Modellen Ausschau zu halten.
© Max Baumann
PC!-Blog: Letztlich ist Ihre Serie ‚blindlings’ allerdings nicht im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf entstanden, sondern in Halle…
M.B.: Ja, das ist richtig. Während der Zeit in Wiepersdorf übte ich mich im Handwerk der Studiofotografie und erlangte langsam die nötige Vorstellungskraft. Immerhin, zwei bis drei Aufnahmen wiesen mir den Weg. Die Modelle für ‚blindlings’ habe ich schließlich unter den Eltern des Kindergartens in Halle gefunden, in den meine Tochter vor Jahren ging. Die meisten kannte ich nur vom Sehen und ich war überrascht, dass beinahe alle bereit waren, sich auf dieses ungewöhnliche Unterfangen einzulassen. Stellen Sie sich vor, sie sitzen mitten in der Nacht vor einem Fremden im gleißenden Licht, das Objektiv der imposanten Kamera keinen Meter von Ihnen entfernt. Sie schließen die Augen für knapp eine Stunde und haben keine Ahnung, wohin die innere Reise geht und welches Bild Sie dabei abgeben. Alle Achtung, ich danke den Porträtierten. Sie haben mir im wörtlichen Sinne blindlings vertraut, wie ich im Gunde genommen meinen Fotografien blindlings vertraue. Daher rührt der Name der Arbeit.
PC!-Blog: Worauf lag Ihr Augenmerk während der Arbeit mit Ihren Modellen?
M.B.: Mein Wunsch war es, die Modelle aus ihrer aktiven, frontalen Haltung zu lösen, ihrem inwendigen Blick und ihren unterbewussten Bewegungen zu folgen. In der Tat haben sich alle Menschen vor meiner Kamera verwandelt. Diesen ungeheuer intimen Zustand habe ich nicht unmittelbar, sondern unter einem schwarzen Tuch auf der recht dunklen Mattscheibe verfolgt. Wenn ich glaubte, einem Bild davon nahe zu sein, schob ich die Filmkassette ein, schloss selbst die Augen und ließ noch einige Sekunden verstreichen. Dann löste ich aus.
PC!-Blog: Sie haben ‚blindlings’ in Schwarzweißfotografien aufgenommen. Verfolgen Sie damit eine bestimmte ästhetische Absicht?
M.B.: Bei ‚blindlings’ ging es mir auch um die Frage, welches Menschenbild entsteht, wenn man Zeitgenossen ohne Attribute der Gegenwart mit einem klassischen fotografischen Verfahren aufzeichnet. So bat ich die Modelle auf starkes Schminken, dominierenden Schmuck und modische Kleidung zu verzichten. Die Schwarzweißfilme entwickelte ich selbst und vergrößerte die Abzüge von Hand. Merkwürdig, man meint, den Gesichtern in verschiedenen Epochen der Kunstgeschichte bereits begegnet zu sein, oder?
PC!-Blog: War das nun Ihre erste und letzte Porträtserie oder haben Sie Lust, weiterhin Porträts aufzunehmen?
M.B.: Ich würde gern mit einigen meiner Modellen weiterarbeiten. Zudem denke ich in verschiedene Richtungen: Jugend, Alter, einander Verwandte oder Zugewandte, Ärzte, Soldaten. Und ich bin gespannt, wann die Enthobenen ihre Augen öffnen.
Interview: Gesa Lehrmann




4 Kommentare
Hallo,
gerne hätte ich ein paar mehr Arbeiten von Max Baumann hier gesehen, um mir einen vollständigen Überblick zu verschaffen.
Als Portrait-Fotograf habe ich mich mit Aufnahmen, die Personen mit geschlossenen Augen zeigen, bereits ausführlich beschäftigt. Für mir stellte sich heraus, dass derart intrinsische Abbildungen von Menschen nicht so wertvoll sind, wie Portraits, bei welchen der Betrachter dem Modell (vermeintlich) in die Seele blicken kann.
Das Fehlen des Augenkontakts resultiert in der Unfähigkeit des Betrachters mit dem Modell eine intime Beziehung aufzubauen. Dies kann natürlich intentional beabsichtigt sein; gleichwohl es lässt mich immer mit einem Gefühl des Unvollkommenen zurück: Man hätte sich der Person weitaus stärker nähern können, ein eindringlicheres, intimeres Portrait schaffen können, hat die Chance jedoch verstreichen lassen.
Als Methode für ungeübte oder aufgeregte Modelle ist das Schließen der Augen hingegen wertvoll. Das Modell entspannt dabei, wird von der Erwartung entrückt und findet bar jeder Ablenkung zu sich selbst. Wenn es dann die Augen öffnen – KLICK – entstehen häufig gute Portraits ohne Posing und affektierter Selbstdarstellung.
Wer sehen will, was ich meine, der schaut mal auf mein Portfolio unter http://www.daedalus-v.de/portfolio.cfm
Hallo Daedalus-V,
vielen Dank für den Kommentar! Für einen besseren Überblick über die Arbeit von Max Baumann lohnt sich der Gang in die Ausstellung PHOTOGRAPHY CALLING! oder der Blick in den entsprechenden Katalog
Was das Phänomen der geschlossenen Augen angeht, handelt es sich sicherlich nicht um die “Unfähigkeit des Betrachters mit dem Modell eine intime Beziehung aufzubauen”, sondern um eine originelle künstlerische Idee, welche die Erwartung, die der Betrachter an ein Porträt hat, auf grandiose Weise unterläuft und uns einen völlig neuen Blickwinkel auf das Genre Porträt ermöglicht.
Nunja, ich finde die Arbeiten von Max Baumann nicht schlecht, ich wollte nur anmerken, dass für mich kein “Funke” überspringt bei geschlossenen Augen und hatte erklärt, warum das für mich so ist. “Originell” finde ich es absolut nicht, aber einen wichtigen (ergänzenden) Teil der Ausstellung.
Die Ausstellung habe ich natürlich gesehen; mich hat allerdings Dijkstra am meisten angezogen. Nicht von ungefähr ist sie ja auch das Key-Visual in der Aussendarstellung.
Ronald
Lieber Daedalus-V
hier noch ein kleiner Nachtrag zu Ihrem Kommentar: Weitere Bilder aus Max Baumanns Serie ‘blindlings’ sind auf seiner Homepage unter http://www.maxbaumann.de zu sehen.
Weitere Informationen zu Baumanns Werk gibt auch der Katalog zur Ausstellung PHOTOGRAPHY CALLING!, woraus hier der entsprechende Beitrag der Kuratorin Inka Schube zitiert sei:
“Max Baumann (*1961) findet seit knapp zwei Jahrzehnten fotografische Bilder für die widerspruchsreiche Dialektik der geschichte. Er fotografiert aufgelassene Armee- und sonstige ehemalige Nutzgelände, das Volkswagenwerk in Wolfsburg im Wandel zur Autostadt, genmanipulierte Pflanzen, Operationen am offenen Herzen und die Stadt Berlin als Feld wild wuchernder Zeichen von Geschichte und Gegenwart. Die immer streng komponierten Bilder feiern die Präzision fotografischer Wiedergabe und mit ihr die Schönheit des Details. Gleichzeitig finden sich in diesen Bildern häufig Zonen der Verweigerung: Zonen, die etwas Unsagbares, nicht (Mit-)Teilbares in Unschärfe formulieren. Sein kompositorisches Repertoire entstammte bisher vor allem einem romantisch gestimmten Konstruktivismus, den Baumann zu einer räumlich-malerischen Qualität führte. In seinen Arbeiten schwingt immer auch, ähnlich wie in den Arbeiten Hanzlovás, eine Spur von Sentiment nach: Sentiment als rebellischer Akt innerhalb einer möglichst affektbereinigten, da effizienzorientierten Gegenwart. Erstmals zeigt Max Baumann mit ‘blindlings’ nun Porträts. In Schwarzweiß entsteht eine Serie von Aufnahmen, die Gesichter von Menschen in ihren Dreißigern – die wesentlichen biografischen Entscheidungen sind getroffen – mit geschlossenen Augen zeigt. Baumann bittet sie in eine beruhigte Ateliersituation und ermöglicht es ihnen, sich vor der nahen Kamera und zwischen den Leuchten einzurichten. Die Fotografien entstehen in einem Moment innerer Ruhe, in dem etwas sichtbar wird, das über den Augenblick hinausweist. Nichts kann hier “übertüncht” oder hinter einer Fassade versteckt werden: Es ist eine Art Schälprozess, der sich hier vollzieht. Idealisierendes, Anekdotisches oder auch Psychologisierendes verweigern diese stillen Bilder. Sie geben Physiognomien frei, die in ihrer Zeitlosigkeit an mittelalterliche Bildschnitzereien etwa eines Tilman Riemenschneider (um 1460-1531) erinnern. Gleichzeitig sind sie äußerst gegenwärtig: Die in den Schärfensetzungen begründete Dichte der fotografischen Information zwingt das Auge zu einer präzisen, nahezu intimen Lektüre und führt zu grundsätzlichen Fragen über die Verfasstheit menschlicher Existenz.
Aus: Schube, Inka/ Weski, Thomas (Hrsg.): PHOTOGRAPHY CALLING! Göttingen 2011, S. 365.
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