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Kolumne — short cuts

30 verschiedene Künstler, ein Projektraum und jede Menge Fotografien: da kann man schnell den Überblick verlieren. Wer sich mehr Informationen zu den Bildern der Ausstellung PHOTOGRAPHY CALLING! wünscht, der kann unter der Kategorie ‘short cuts’ Wissenswertes rund um die gezeigten Künstlerpositionen nachlesen.



short cuts: Andreas Gursky und Jitka Hanzlova


Diesen Ort gibt es nicht: Cocoon II (2008). Andreas Gursky zeigt eine Großraumdisko mit einem skurrilen Interieur, das an die Struktur eines riesigen Kokons, an Insektennester oder eines Bienenkorbes erinnert. Und auch die Menschen, die in großer Zahl auf dem monumentalen Bild zu sehen sind (wie viele sind es eigentlich?), wirken wie ein Bienen- oder Insektenschwarm: gleichförmig und geschäftig. Warum gibt es diesen Ort nicht? Weil Gursky das Bild am Computer zusammengesetzt hat und lediglich einen realen Ort als Ausgangsmaterial wählt. Anschließend werden einzelne Elemente digital multipliziert und so die Wirklichkeit ins Gigantische verlängert. Die ohnehin schon große Disko wird noch größer, die Masse der Menschen unüberschaubar und das Event zum absoluten Spektakel. Die Absurdität besteht darin, dass alle wollen das Gleiche und sich deshalb auch ähnlich sehen und alle gefangen sind im großen Kokon der Vergnügungssucht und der Illusion der Einzigartigkeit.

Installationsansicht Gursky

Installationsansicht: Andreas Gursky: Cocoon II (2008)

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09.01.2012   unkommentiert

short cuts: Diane Arbus und Martin Parr


Wer verliert schon gern die Contenance? Haltung bewahren bedeutet alles. Kontrolle und Dominanz, Einfluss und Souveränität. Die Körpersprache verrät, wer du bist oder gerne wärst. Ein fester Händedruck, ein klarer Blick, forsches Voranschreiten oder vornehme Zurückhaltung, das Spektrum der Selbstdarstellung ist weit gefasst. Entgleisungen passieren aber immer wieder: Stolpern, Stottern, Spucken, Achselschweiß und Essensreste, Flecken und Verfehlungen aller Art. Je entschlossener die Norm definiert wird, desto schneller gerät man ins Abseits. Wer bestimmt eigentlich, was richtig und was falsch ist? Wann und wo überschreitet man die Grenze vom Konsens zum Nonsens, von der Mitte zum Rand, vom Normalen zum Anormalen? Diane Arbus blickte in jedes Gesicht und zeigt uns auf ihren Bildern Travestiten und Konservativen, Riesen und Zwerge, Spießer und Hippies, Nudisten und Militaristen, Kinder, Träumer, Süchtige, Alte und Junge. Als Diane Arbus fotografierte, kannte man noch nicht den Begriff der Political Correctness oder den Inklusionsgedanken, der die zementierten Grenzen zwischen Behinderten und Nichtbehinderten auflösen soll. Damals waren Freaks einfach Freaks, Penner waren Penner, Schwule waren schwul, ein Afroamerikaner im besten Falle ein Neger und Leute mit Downsyndrom hießen Mongoloide. Eine Welt, die in Begriffen der Repression und Ausgrenzung sprach und dachte und dennoch deutlich machte, wie hilflos die Menschen waren (und es immer noch sind), wenn es darum geht, zu erkennen, dass es mehr als eine Seinsform gibt. Und dass die Norm der Werbebilder, mit den schönen straffen Menschen, die sich als gut verdienende Mütter und Väter liebevoll um die erfolgreiche Zukunft ihrer Kinder kümmern, nur Fiktion ist.

Installationsansicht: Martin Parr

Installationsansicht: Martin Parr: 'Luxury' (2004/2011)

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29.12.2011   unkommentiert

short cuts: Rineke Dijkstra und Paul Graham


Rineke Dijkstra fotografierte 1994 Mütter unmittelbar nach der Entbindung. Die Frauen stehen aufrecht vor einem neutralen Hintergrund und halten ihre Säuglinge auf dem Arm. Glück und Erschöpfung, Schönheit und Anstrengung, das Wunder des Lebens und die harte Wirklichkeit sind auf diesen Bildern zu sehen. Die Kinder sind noch keine Stunde alt, die Ekstase und der Schmerz der Geburt gerade vorbei. Dennoch nehmen die Frauen schon wieder Haltung an, stolz und selbstbewusst schauen sie in die Kamera und inszenieren die Mutterschaft. 17 Jahre später porträtierte die Fotografin die früheren Säuglinge als Jugendliche. Ein Moment von großer Intensität entsteht, den nur die Fotografie erzeugen kann: die Zeit wird übersprungen, im unmittelbaren Nebeneinander der Bilder begreifen wir, dass alle Menschen den Weg durch die Zeit nehmen, geboren werden und altern und dass die Erinnerung an die eigene Geburt unmöglich ist. Im Foto ist sie aber dokumentiert. Auf den Bildern sieht man nicht die Ähnlichkeit zwischen Säugling und jungem Erwachsenen, sondern die Zeichnung der Abstammung: die Gesichter der Mütter und ihrer Kinder ähneln sich auf verblüffende Weise. Persönlichkeit und Lebensweg sind individuell, dennoch gibt es immer einen Grund, auf dem wir stehen, eine Prägung und eine Vorherbestimmung.

Installationsansicht Sprengel Museum Hannover: Rineke Dijkstra

Installationsansicht: Rineke Dijkstra

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Annette Völckner gefällt dieser Artikel

22.12.2011   unkommentiert

short cuts: Robert Adams und Thomas Ruff


Als Robert Adams 1968-1971 seine Arbeit “The New West” fotografierte, war die amerikanische Gesellschaft schon tief gespalten: Die Hippies probten den Aufstand, lebten in Kommunen, agierten gegen die bürgerliche Gesellschaft, kritisierten den Krieg in Vietnam und stellten die Industrie und- Konsumgesellschaft massiv in Frage. Auf der anderen Seite gab es das konservative Amerika, patriotische Menschen, die davon überzeugt waren, dass Amerika im fernen Vietnam seine Freiheit verteidigte und dass die wirtschaftliche Vormacht Amerikas die Zukunft bestimmen würde. Diese Menschen waren in der Überzahl und ihre Überzeugungen fußten auf der Familie, der regelmäßigen Arbeit, einem christlichen Glauben und dem Besitz eines eigenen Hauses. Zu dieser Zeit entstanden große Siedlungen von sog. Tract Houses. Häuser, die in einfacher Fertigbauweise errichtet wurden und die es ermöglichten, in kurzer Zeit viele Menschen mit einem Haus, einem Garten und einer Garage auszustatten. Wie der Mythos im Wildwestfilm die Landnahme durch die mutigen und redlichen Siedler beschreibt, wiederholte sich hier derselbe Vorgang. Ewas schneller, standardisiert und mit Krediten finanziert, aber im Kern doch gleich: Die Zivilisation (oder das, was man sich unter ihr vorstellte) eroberte die Wildnis.

Installationsansicht: 'm.a.r.s.' von Thomas Ruff

Installationsansicht: ‘m.a.r.s.’ von Thomas Ruff

Foto: Michael Herling/Aline Gwose, Sprengel Museum Hannover

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13.11.2011   unkommentiert

short cuts: Michael Schmidt und Hans-Peter Feldmann


Das Ihme-Zentrum in Hannover: ein Betonklotz, ein gescheitertes Projekt, eine Architektur im Zerfall, eine städteplanerische Vision und ein Musterbeispiel des Brutalismus. Geometrische Formen, klare Funktionen und grauer Sichtbeton. Das Ihme-Zentrum ist ein Labyrinth aus Durchgängen, Überdachungen, Balkonen, Hochhäusern und Tiefgaragen. Gebaut wurde es Anfang der 1970er Jahre. Eine Vision im Wandel. Die Architektur steckt fest zwischen Abbruch und Sanierung. Als Michael Schmidt 1997/98 das Zentrum fotografierte, war einer seiner Impulse, Berlin als Ort und Sujet zu verlassen und neue Bilder im alten Westdeutschland zu finden. Hannover gilt vielen als wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Mittelwert. Im Krieg zerstört, nicht völlig, aber dennoch substanziell, und dann wieder aufgebaut, mit all den vermeintlichen Fehlern der Nachkriegszeit. Diese Zeit dauerte aber länger, als man dachte: auch in den 1970er Jahren konnte man noch Lücken schließen und Ideen ausprobieren. Schmidt präsentiert ein nüchternes Bild: Der große zentrale Wohnblock wird als Monolith inmitten der Stadt gezeigt. Eine klare und kompromisslose Fotografie. Aber auch in der Betonwüste findet sich die Poesie. Die schlichten, monochromen Bilder von Wänden haben eine andere Zeichensprache. Schlieren und Löcher, Verspachtelungen und Fugen werden zur Projektionsfläche der Utopie. Miniaturen der Flucht.

Michael Schmidt

Michael Schmidt: ‘Ihme-Zentrum’, 1997/98, geprintet in 2009

Foto: Michael Herling/Aline Gwose, Sprengel Museum Hannover

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28.10.2011   unkommentiert