Boris Mikhailov: Kommender Preisträger des ‘SPECTRUM’ Internationaler Preis für Fotografie der Stiftung Niedersachsen
Am 9. Januar 2012 lud das Sprengel Museum Hannover zu einem Pressefrühstück anlässlich der Vorstellung des kommenden Preisträgers des ‘SPECTRUM’ Internationaler Preis für Fotografie der Stiftung Niedersachsen ein.
Der von der Jury nach einer rekordverdächtig kurzen und einmütigen Sitzung bestimmte kommende Preisträger, der ukrainische Fotograf Boris Mikhailov, kam mit seiner Frau und Arbeitspartnerin Vita Mikhailov nach Hannover. Er nahm die Gratulation von Dietrich H. Hoppenstedt, Präsident der Stiftung Niedersachsen, entgegen, dankte in sehr persönlichen Worten für die Ehrung und beantwortete Fragen der Presse. Boris Mikhailov stellte exklusiv in diesem Kreis eine Arbeit vor, die noch im Werden begriffen ist und die sich mit den 1950er-Jahren in der UdSSR, den Jugendjahren des Fotografen, beschäftigt: “Ist es möglich, die Vergangenheit zu fotografieren? … Es gibt keine Bilder für das, was damals geschah. Zum Beispiel in einem wissenschaftlichen Institut, unter ständiger Beobachtung des KGB [Geheimdienst der UdSSR]. … Ist es möglich, diese Lücke im visuellen Gedächtnis zu füllen?” Henning Queren, Neue Presse Hannover, fragte den fotografierenden Chronisten des Zerfalls der UdSSR und seiner Folgen, was denn der Welt verloren gegangen sei mit dem Ende der Sowjetunion. „Opposition” antwortete Mikhailov nach kurzem Überlegen.
Der ›SPECTRUM‹ Internationaler Preis für Fotografie der Stiftung Niedersachsen wird anlässlich der Eröffnung der den Preis begleitenden Ausstellung am 24. Februar 2013 im Sprengel Museum Hannover an Boris Mikhailov übergeben. Am 23.Februar 2012 eröffnet die Berlinische Galerie eine erste Museums-Retrospektive des Künstlers in Deutschland. Ein Jahr später wird man in Hannover erleben können, wie sich das Werk dieses außergewöhnlichen Fotografen nach dieser so lange schon ausstehenden Museums-Würdigung hierzulande, nach Ausstellungen im Museum of Modern Art, New York, der Tate Modern und der eindrucksvollen Präsentation in der Galerie Barbara Weiss, Berlin, 2011, in einem anderen Rahmen neu sortiert. Auch wir sind gespannt und geben im Folgenden die Begründung der Juryentscheidung wieder:
»SPECTRUM« Internationaler Preis für Fotografie der Stiftung Niedersachsen VIII
Boris Mikhailov
Mit Boris Mikhailov ehrt die Stiftung Niedersachsen einen der herausragenden Fotografen der Gegenwart. Der 1938 in Charkow (Ukraine) geborene Künstler gilt als Chronist der Geschichte seiner Heimat. In umfangreichen Bildzyklen widmet sich Mikhailov dem Alltag der sogenannten ‚kleinen Leute‘. Standen bis Ende der 1980er-Jahre vor allem ihre Sehnsüchte und deren ideologischen Überformungen im Mittelpunkt, so widmet sich der Künstler seither dem Verfall des sowjetischen Gemeinwesens und in der Folge seiner Neukonstruktion unter marktwirtschaftlichen Bedingungen. Mikhailov entwickelt aus diesem ‚Material‘ grundsätzliche, übergreifende Fragestellungen zur Bedingtheit menschlicher Existenz. Die eigene Biografie und Person dient häufig als Referenz: Der Akt des Fotografierens und die sich darin einschreibenden Machtverhältnisse werden ebenso reflektiert wie die sich seit Mitte der 1990er-Jahre ändernde Perspektive des Künstlers: In der Folge eines DAAD-Stipendiums zog Boris Mikhailov mit seiner Frau Vita Mikhailov 1996 nach Berlin, nicht ohne sich bis heute immer wieder für längere Zeit in der Ukraine aufzuhalten. Das Pendeln zwischen Ost und West, die Erfahrung der Emigration und des Lebens in einer fremden kulturellen Situation und Sprache schreiben sich in das Werk ein.
Das Œuvre von Boris Mikhailov ist in seiner Vielschichtigkeit von herausragender internationaler Strahlkraft und Vitalität. Werke von ihm waren in bedeutenden internationalen Ausstellungshäusern, unter anderem dem Museum of Modern Art, New York, und der Tate Modern, London, zu sehen. Eine Überblicksausstellung in einem großen deutschen Kunstmuseum steht erstaunlicher Weise noch immer aus. Die Vergabe des »SPECTRUM« Internationaler Preis für Fotografie der Stiftung Niedersachsen wird eine solche große Museumsausstellung in Deutschland ermöglichen. Der »SPECTRUM« Internationaler Preis für Fotografie der Stiftung Niedersachsen schließt zudem einen Geldpreis in Höhe von 15.000 Euro und die Produktion einer Künstlerpublikation ein.
Für die Jury: Inka Schube, 5. Juli 2011
Mitglieder der Jury:
Monika Faber, Photoinstitut Bonartes, Wien
Sandra Phillips, San Francisco Museum of Modern Art
Thomas Weski, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
Inka Schube, Sprengel Museum Hannover
Joachim Werren, Stiftung Niedersachsen (beratend)
Bisherige Preisträger:
Robert Adams, Thomas Struth, John Baldessari, Sophie Calle, Martha Rosler, Helen Levitt , Bahman Jalali
Fotos: Michael Herling/Aline Gwose, Sprengel Museum Hannover





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