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5 Minuten (oder auch ein bisschen mehr) mit … Thierry Geoffroy

 

Thierry Geoffroy, dänisch-französischer FORMAT ARTIST, wird ab dem 9.10.2011 einen Monat lang den Projektraum in der Ausstellung PHOTOGRAPHY CALLING! bespielen. Im Interview gibt Geoffroy einen Rückblick auf seine Arbeit während der 54. Kunstbiennale in Venedig  und einen Einblick in seine Arbeitsweise:

PC- Blog: Herr Geoffroy, was ist ein ‚Biennalist’?

T.G.: Der Biennalist ist ein von T.G. entwickeltes Kunst-Format, das Biennalen und andere kulturelle Events kommentiert, während sie stattfinden. Häufig bewerben solche Events vor allem sich selbst. Sie verwenden Themen und Fragestellungen vor allem als Werbestrategien. Sie fingieren die Absichten, die sie in Pressemitteilungen vor sich her tragen, lediglich.  Ein Biennalist nimmt die Themen der Biennalen sehr ernst und ertestet sie vor Ort.  Häufig  treffen Biennalisten und  Emergency Room Artists  aufeinander, um einen brisanten Inhalt, ein heißes Eisen, das nicht auf die lange Bank geschoben werden kann,  zu bearbeiten. (TODAY IS TODAY,  TODAY BEFORE IT IS TOO LATE!). Ein Biennalist kann auch das Penetration Format, das Critical Run Format  oder das Rumeur Art Format , das Fight Debate Format, das Slow Dance Format etc. …aktivieren.

PC-BLOG: Wie funktioniert das?

T.G.: Es geht darum, Debatten, Auseinandersetzungen anzuregen. Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit ist dafür notwendig, aber sie sind Mittel zum Zweck, nie selbst Inhalt – das wäre ein grobes Missverständnis. Die Debatte zu stimulieren, sie anzuregen, ist das, worum es geht, ist der RAISON D ETRE, die Existenzberechtigung.

PC-BLOG: Der ‚Critical-Run’ beispielsweise, bei dem die Teilnehmer joggend über die Biennale laufen und dabei über ein vorgegebenes Thema diskutieren, zieht die Blicke der Besucher auf sich, weil niemand sonst auf die Idee kommen würde, bei solchen Veranstaltungen zu joggen.

T.G.: Nie würde ich das Wort ‘joggen’ benutzen, es ist völlig anders besetzt und meint etwas ganz anderes. Das Ziel des Critical Run liegt nicht in der Aufmerksamkeit, die er hervorruft – nackt zu gehen würde weit mehr Aufmerksamkeit generieren. Der Critical Run ist ein adäquates Mittel, die brennenden Themen der kollabierenden Welt zu diskutieren, bevor es zu spät ist. Ähnlich funktionieren die Formate Fight-Debate oder Slow Dance. Die Fight-Debates zum Beispiel entwickeln sich vor ausgewählten Pavillons: Zwei oder mehrere Biennalisten geraten über ein Thema, das sich aus diesem Pavillon und seiner Korrespondenz mit aktuellen Themen heraus entwickelt, in einen heftigen Streit. Das kann zu einer simulierten körperlichen Auseinandersetzung führen.

Beim Slow Dance ertönt für die Besucher unerwartet Musik. Die Biennalisten fordern die Anwesenden auf, mit ihnen zu tanzen und während dessen über grundsätzliche, sich aus den weltweiten politischen Tagesereignissen ableitende jeweils spezifische Fragestellungen zu diskutieren.

PC-BLOG: Können Sie ein Beispiel für ein von den Biennalisten während einer Biennale diskutiertes Thema geben?

T.G.: Auf der diesjährigen Venedig-Biennale steht vor dem amerikanischen Pavillon eine überdimensionale Installation eines Panzers, dessen Kettenlaufwerk in Gang gesetzt werden kann, wenn ein Athlet ganz oben auf dem Panzer auf einem Laufband joggt. Wir sind mit fünf von ihnen gelaufen. Wir haben mit ihnen darüber diskutiert, ob der amerikanische Pavillon der amerikanischen Propaganda dient und was für sie, aus ihrer persönlichen Sicht heraus, heute die dringlichsten Fragen im Hinblick auf die Situation der Welt sind. Ein anderes Mal haben wir vor dem russischen Pavillon während einer Fight-Debatte mit Salatgurken gegeneinander gekämpft, um das Publikum auf Fragen und Geschehnisse außerhalb der Biennale-Welt aufmerksam zu machen:  Die russischen Behörden hatten aufgrund der deutschen EHEC-Fälle beschlossen, kein deutsches Gemüse mehr in ihr Land einzuführen. Die Idee der Nation war schließlich, unter dem Biennale-Titel ‚Illumination’,  das zentrale Thema der Biennale, und so stellt sich doch die Frage, wie offen und nah die Nationen zueinander stehen, wie sie sich öffnen und schließen. Und wir haben während eines Slow Dances im Venezuelanischen Pavillon mit Besuchern darüber debattiert, ob wir in einer demokratischen Gesellschaft leben. Das sind nur einige Beispiele.

PC-BLOG: Warum denken Sie, dass ausgerechnet eine Biennale der richtige Ort für gesellschaftskritische Diskussionen ist?

T.G.: Die Menschengemeinschaft muss doch irgend einen Nutzen aus der Tatsache ziehen, dass in den drei Tagen vor der offiziellen Eröffnung der Biennale 40.000 Intellektuelle, Autoren, Kritiker, Philosophen für drei Tage versammelt sind, um die wichtigen Themen der Welt zu diskutieren. Stattdessen lenkt man seine Interessen darauf, wann eine coole Party veranstaltet wird und wo es den besten Champagner gibt. Das ist nicht nur reine Zeitverschwendung, sondern an sich schon eine menschliche Katastrophe.

Weitere Informationen zu Thierry Geoffroys Format Art gibt es unter dem von ihm verfassten Wikipedia-Eintrag oder auf der ARTFORMATS-Website.

Interview: Gesa Lehrmann

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1 Kommentar

1 thomasroessler { 08.02.2012 um 16:56 }

Thierry Geoffroy beklagt – zu Recht, wie ich meine – die Nutzlosigkeit von Mega-Kunst-Events wie z.B. der Biennale in Venedig. Ob Schaukämpfe mit Salatgurken oder Diskussionen im Laufen adäquate Mittel zur Besserung der Lage sind, bezweifle ich. Venedig war letzten Sommer ein extremes Beispiel für belanglos, dekorative Kunstmarktkunst. Die Arbeit am Bewusstsein hätte besser durch z.b. als Museumspädagogik getarnte Komplementärangebote wie eine subversive MP3 – Führung geleistet werden können. Jux – Formate gab’s schon genug.

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